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Die Schnurkeramik

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Die Schnurkeramik

 

I. Einleitung

Der Komplex der Kulturen mit schnurverzierter Keramik ist ein Phänomen des 3. Jahrtausends vor Christus. Nach derzeitigem Stand der Forschung kann das erste Auftreten dieser Kultur(en) um 2850  v. Chr. angegeben werden. Das Ende der Schnurkeramik stellt sich aufgrund der Quellenlage und Problemen bei der Datierung unklar dar, aber bis ca. 2400 v. Chr. kann ihr Bestand nachgewiesen werden. Die Schnurkeramik markiert in Mitteleuropa neben der Glockenbecherkultur das Ende des Neolithikum (Jungsteinzeit), d.h., sie bildet den Übergang von einer fast ausschließlich nahrungsproduzierenden Wirtschaftsweise zu einem Zeitabschnitt, in welchem die Herstellung und Nutzung von Metall die Wirtschaft und Gesellschaft in Mitteleuropa radikal veränderte.

Die Schnurkeramik läßt sich grob in drei große überregionale Gruppen unterteilen, die als mehr oder weniger homogene Einheiten zu betrachten sind. Zum einen gibt es die Südgruppe, welche das Elsaß, Hessen, Südwestdeutschland, Schweiz, Bayern, Österreich, Böhmen, Mähren und große Teile Mitteldeutschland mit Sachsen Thüringen und Sachsen-Anhalt umfaßt. Zum anderen eine Nordgruppe, die mit der Standfußbecher-, Einzelgrab- und Haffküstenkultur gleichzusetzen ist (Westdeutschland, Niederlande, Norddeutschland, Dänemark, Südschweden, den Küstenbereich von Polen, dem ehemaligen Ostpreußen und den baltischen Staaten. Eine dritte Gruppe, die sich allerdings stark von den beiden ersten unterscheidet, kann in Osteuropa lokalisiert werden. Neben diesen Großgruppen, entwickelten sich in einigen Gebieten kleinere regionale Sondergruppen, von denen nur die Schönfelder-Kultur in Brandenburg/Sachsen-Anhalt und der Zlota-Kultur in Polen erwähnt werden sollen. Diese Sondergruppen durchliefen eine eigene Entwicklung.

 

II. Kulturen mit Schnurverzierung

Das augenfälligste Merkmal dieser Kulturen ist die mit Schnureindrücken verzierte Keramik. Schon früh (1883) fiel dieser Umstand auf, so daß Friedrich Klopfleisch die Schnurverzierung als namengebendes Element für die entsprechende Kultur ansah. Ein weiteres charakteristisches Kennzeichen ist die Art und Weise, wie die Träger der Schnurkeramik ihre Toten bestatteten. Während in der vorangegangenen Trichterbecherkultur Kollektivbestattungen (mehrere Tote in einem Grab) üblich waren, werden nun Individualbestattungen unter Grabhügeln die Regel. Diese Tatsache an sich ist nicht ungewöhnlich, aber daß Frauen und Männer unterschiedlich behandelt wurden, ist ein Novum. Frauen und Männer legte man mit angehockten Beinen auf die Seite (Hockerlage), während die Männer auf der rechten Seite mit dem Kopf im Westen niedergelegt wurden, lagen die Frauen genau umgekehrt auf der linken Seite mit dem Kopf im Osten. Beide blickten somit nach Süden. Diese Geschlechtsdifferenzierung im Grabritus ist ein Charakteristikum für das ausgehende Neolithikum im 3. Jahrtausend. Das Material aus den Gräbern bildet bis heute die Grundlage für die Rekonstruktion der schnurkeramischen Kulturen. Die besondere Bedeutung der Grabfunde resultiert aus dem Mangel an Siedlungen, die in einem krassen Mißverhältnis zu den Gräbern steht. Dieser Mangel an Siedlungsstellen wird auch als ein Merkmal der Schnurkeramik gesehen. Die geringe Anzahl wurde in der Vergangenheit mit der besonderen Siedlungsweise der „Schnurkeramiker" (Verzicht auf Siedlungsgruben, Behausungen, die auf tiefe Erdeingriffe verzichten etc.), den Auffindungsbedingungen (gefährdet/zerstört durch Erosion und Landwirtschaft) und/oder der Lebensweise der damaligen Menschen (Nomaden = keine festen Siedlungen) erklärt. Ein weiterer Erklärungsansatz betrifft den Charakter des Siedlungsmaterials, der zum einen recht unscheinbar erscheint und zum anderen noch völlig unzureichend erforscht ist, so daß es nicht einfach ist, die vorhandenen Funde von schnurkeramischen Siedlungsplätzen mit dieser Kultur zu verbinden.

 

III. Forschungsstand

Die Erforschung der Schnurkeramik beschränkt sich seit ihrer Definition im 19. Jahrhundert fast ausschließlich auf die Erstellung von Chronologien und regionalen Gruppen. Dazu benutzte man ausnahmslos die Keramik aus Gräbern. Die Keramik aus Siedlungen wurde lediglich nebenbei erwähnt oder es wurde darauf hingewiesen, daß es kaum Siedlungsplätze gibt, ohne näher darauf einzugehen (Ausnahmen: Schweiz und Haffküstenkultur). 1969 erschien von Friedrich Schlette ein Beitrag, der den Forschungsstand über das Siedlungswesen bis dahin reflektiert und zusammenfaßt. Vorher erschöpfte sich die Beschäftigung mit dem schnurkeramischen Siedlungswesen auf kleinere Zeitschriftenartikel über aufgefundene Siedlungsplätze oder spezielle Einzelaspekte, die aus dem Kontext herausgerissen waren. Erst in den letzten zwanzig Jahren sind neue Impulse für die Siedlungsarchäologie gekommen. Zu erwähnen sind Versuche von dänischen Archäologen, das Material von schnurkeramischen Siedlungen zu ordnen und chronologisch zu gliedern. Dasselbe unternahm Jonas Beran mit Material aus der Magdeburger Gegend. Eine wichtige Arbeit über endneolithische Fundstellen im Griesheimer Moor bei Darmstadt legte Joseph Maran, Professor für Ur- und Frühgeschichte in Heidelberg, vor, in welcher ein schnurkeramischer Siedlungsraum erschlossen und das schnurkeramische Material vorgelegt wurde. Im Rahmen meiner Magisterarbeit, die sich mit einer schnurkeramischen Siedlung auf dem Atzelberg bei Ilvesheim beschäftigte, gelang es, unter Beachtung der Untersuchung von J. Maran eine Lokalgruppe am nördlichen Oberrhein zu postulieren. Das zeigt, daß es nicht nur sinnvoll, sondern notwendig ist, die Siedlungsstellen größerer Gebiete zusammenzufassen und in einem weiteren Kontext zu analysieren.

In der Schweiz und in dem Gebiet der Haffküstenkultur (Polen, ehemaliges Ostpreußen und den baltischen Staaten) stellt sich die Situation etwas anders dar. Hier besteht der Fundstoff hauptsächlich aus Siedlungen. So liegt beispielsweise für die Schweiz eine detaillierte Chronologie vor, die sowohl stratigraphisch als auch durch dendrochronologische Daten abgesichert ist. Auch bietet das schweizerische Material einen bislang einmaligen Einblick in das alltägliche Leben der Menschen, da durch außergewöhnliche Erhaltungsbedingungen auch organische Stoffe, wie Holz und Textilien, erhalten blieben. Inwieweit aber die Schweiz mit den übrigen Gebieten zu vergleichen ist, muß derzeit noch offen gelassen werden, denn die schweizerische Schnurkeramik liegt an der südlichen Peripherie des Verbreitungsgebietes. Die dort gefundenen Siedlungen, die als Seeufersiedlungen bezeichnet werden, sind vermutlich nicht als typisch, sondern als Sonderfall anzusehen, was allerdings nun durch eine überregionale Untersuchung zu klären wäre.

Die Erforschung der Haffküstenkultur befand sich bis zum Zweiten Weltkrieg auf einem hohen Niveau ohne leider eine abschließende Monographie geliefert zu haben. Das Manuskript von B. Ehrlich über die Ausgrabungen von Succase, einer der wichtigsten schnurkeramischen Siedlungen überhaupt, ging im Krieg verloren, wie die viele Funde und Unterlagen der durchgeführten Ausgrabungen. Erst seit einigen Jahren wird wieder verstärkt über die Haffküstenkultur geforscht. Hier sind sicherlich neue Impulse für die Erforschung des Siedlungswesen der Schnurkeramik zu erwarten.

Aber auch in diesem Bereich gibt es keine zusammenfassende Monographie, die den neusten Stand der Forschung widerspiegelt.